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Wind

Manchmal bringt das Leben uns Wind. Wie im Herbst. Er reisst Blätter von den Bäumen und letzte Blütenblätter von Stauden. Er macht Struktur wieder sichtbar und Durchblicke möglich.Dann pustet dasLeben einen durch und manches geht auf einmal schneller als gedacht. 
Die Kinder packen ihre Drachen aus und tanzen mit ihnen auf der Wiese.
Doch manchmal, in einigen Jahren - und man hofft, dass diese nicht viele sein werden im Leben - wird aus dem Wind ein richtiger Sturm. Und dieser reißt ganze gesunde Bäume aus. Bäume, von denen wir glaubten, sie stünden fest in der Erde und würden dort noch etliche Jahrzente Schatten spenden und Früchte tragen. Ja, es gibt Winde, bei denen man die Kinder ins Haus ruft und mit angstvollem Blick dem gelb-schwarzen Himmel entgegenschauend Mut ausspricht. Wissend, dass manch Lebenssturm alles ändern kann.
Wir haben in diesem noch jungen Herbst den Vater zweier von uns sehr geliebter Kinder verloren. Der Lebenswind hat ihn davon geweht. 
Und ich stehe im Garten und sehe der Natur beim alljährlichen Rückzug zu. Beim Sterben von zarten einjährigen Blüten und dem Abwerfen von buntem Laub. Und blicke der Gewissheit mitten ins Gesicht, dass wir alle Teil dieses Kreislaufes sind - dass jedes Jahr und jedes Leben kommt und geht. Macht es das leichter? Nein. Aber demütiger irgendwie und dankbar. Dankbar für jeden Tag. Und dankbar für jedes vollendete Jahr. Und letztlich hoffend. Ich streue Samen aus. Sehe am welkenden Weinstock bereits die Knospen fürs nächste Jahr. Beiße herzhaft in einen Apfel und blicke die glatten feinen Kerne in ihren Apfelbettchen an. Und denke den alten Postkartenspruch:"In jedem Kern steckt die Weisheit des ganzen Baumes." Und denke weiter: mögen sie Schutz haben und Kraft, all die Kinder, die in in ihren noch so jungen Jahren Lebensstürme erfahren müssen und solch gewaltige Verluste. Mögen sie die Kraft des ganzen Baumes in sich tragen, für ein fruchtreiches verwurzeltes Leben. Und mögen sie in einem Wald stehen, in dem viele andere Bäume ihnen Schatten spenden und sie gut versorgen. 
Ich höre den Wind aufheulen draußen. Möge er gnädig sein - und tun, was er auch gut kann: die Regenwolken vertreiben und die Sonne wieder scheinen lassen.