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Zur Ruhe kommen

Endlich Schnee. Der erste Schnee in diesem Jahr, der auch ein wenig liegen blieb. Freudige Kinderaugen zu Hause und der Wunsch hinaus zu gehen. Wir entscheiden uns für die Vollmontur: Winterstiefel, Mütze, Schal, Schneehosen und dicke Handschuhe. Doch kalt ist es gar nicht wirklich, nur klar - mit frischer reiner Schneeluft, die sich tief und wohlig einatmen lässt. 

In Tiefurt sind Spaziergänger unterwegs im Sonntags-Staat.
Grau - schwarz -pastell-zarte schöne Menschen in wollenen Mänteln. Und zwischendrin Kinder mit Schlitten und Poporutschen. Und Eltern, die sich anstecken lassen vom Kinder-Schneeglück: ein Vater, der grölend den Hang herunter saust mit dem Holzschlitten seines Sohnes, ein Elternpaar, das konzentriert mit zwei kleinen Kindern eine riesige Schneeburg baut.
Papp-Schnee so weit das Auge reicht! Klebrig wie eine spezielle Kinderknete für sonntägliche Riesen-Projekte.
Eine Weile mache ich mit den Mädels mit: eine Sofalounge aus Schnee haben sie sich als Bauprojekt vorgenommen. Doch nach einer Weile komme ich mir komisch vor. Mein Mädchen und ihre Freundin sind keine drei mehr und ich habe das Gefühl, zu stören. Ich überlege kurz: sollte ich eine Freundin anrufen? Mich zum Kaffee verabreden? Etwas "Erwachsenes" tun, wärend die Mädels bauen...?
Ich spaziere eine Runde, schaue mir andere "Projekte" an. Und fühle mich auf einmal seltsam allein. Mit kleinen Kindern hat man stets ein "Alibi" sich selbst auch ein bisschen daneben zu benehmen. Mit größeren Kindern klappt das nicht mehr so leicht.
Fast hätte ich mich schon mit einer Zeitung ins Café gesetzt, oder weiter an meinem Konzept für morgen gearbeitet. Nur, um mich abzulenken von dem Gefühl der Verlorenheit, das manchmal aufkommt im alleine Sein. Dann entscheide ich mich um. Denn: ein halb zerfallener Schneemann, der am Wegesrand steht, inspiriert mich.
Erst zögerlich, dann unsicher und beobachtet von einem Spaziergänger-Paar, doch schließlich fest entschlossen, baue ich meinen "Stein des guten Glücks". 
Ich versuche mich an einem Abbild der von Goethe inspirierten abstrakten Skulpur, welche in dessen Garten steht. Versuche, mich an dessen Dimensionen zu erinnern, stelle fest, dass sich ein Schneewürfel gar nicht so leicht formen lässt - und erst recht keine "perfekte Kugel". Schon nach 5 Minuten bin ich richtig drin. Das ist Flow. Das Gefühl, das Kinder haben, wenn sie ganz in ihrem Spiel aufgehen. Das Gefühl, das wir haben, wenn wir alles um uns vergessen, in Liebe sind mit dem Moment und eins mit unserem Tun. 
Ich warte nicht mehr. Ich verlasse mich darauf, dass die Mädels auch genug haben werden irgendwann und sie zu mir kommen werden, um nach Hause zu fahren. Und so ist es schließlich auch. Wir lassen uns gemeinsam noch ein paar Minuten in der Schnee-Sofa-Landschaft nieder und bewundern gegenseitig unsere Objekte. 
Mein Stein des guten Glücks ist ziemlich schief. Aber er hat was, finde ich. Er macht mich seltsam froh. Dankbar, so aufgehen zu können in kindlichem Tun, verbunden mit dem Ort, mit dem Wetter, mit der Freude, etwas geschaffen zu haben. Etwas, das vergänglich ist, in mir aber für diesen Moment alles andere heraus-gereinigt hat. Und mich ausdrücken lassen hat, was ich fühle. 
Ich nehme mir vor, gleich zu Hause nachzusehen: Wofür steht dieser Stein? Und werde fündig: Angeblich hat Goethe das Denkmal der Göttin "Agathe Tyche" gewidmet, der Göttin des Schicksals, der glücklichen Fügung und des Zufalls. Die bewegliche, schwankende Göttin des Glücks - als Kugel dargestellt - wird vom Kubus als festem, stabilem zur Ruhe gebracht. Als eines der ersten nicht-figürlichen Denkmäler Deutschlands ließ Goethe dieses zum Zeichen des Dankes für Wohlergehen errichten - als Dank für sein Gartenhaus und die Liebe zu Charlotte von Stein.  
Es gibt keine Zufälle, denke ich, als ich dies lese. Die Sehnsucht spürend, an einem Ort mit einem Menschen zur Ruhe zu kommen. 
Und gleichzeitig im Dank für das Wohlergehen, an einem solchen Tag solch einfache schöne Momente zu erleben. Das Herz sucht stets danach, sich ausdrücken zu dürfen. Wie gut es doch tut, diesem Ruf zu folgen.