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Ohne Vergleich: ein Geheimrezept für gutes Wachstum

Neulich sagte meine Tochter nachdrücklich: „Mami, hör endlich damit auf, zu vergleichen!“ - und hat damit wirklich einen Nerv getroffen. Ich fühlte mich ertappt. Und gesehen. Und sie hatte leider recht.

Denn:

Wie oft ertappe ich mich bei Gedanken, in denen ich mich,  oder mein Tun mit anderen vergleiche:

Andere sind schöner, besser, erfolgreicher, geliebter, schlanker, glücklicher, entspannter, besser für die Welt - als ich.

Oder haben einfach mehr Rote Johannisbeeren. - Wie meine Nachbarn.

Vor 3 Jahren haben sie 2 Johannisbeersträucher gepflanzt und ernten seither kiloweise von den köstlichen roten Beeren.

Und bei mir will keine Rote Johannisbeere gut gedeihen.

 

Ich hatte sogar extra die gleiche Sorte wie die Nachbarn gepflanzt. Ganz nah an die Grundstücksgrenze. Vielleicht befruchten sie sich gegenseitig, dachte ich noch.

Doch vorgestern habe ich meinen Hochstamm komplett kompostieren müssen.

Vermutlich ein Reh hatte das Stämmchen so angenagt, dass es kapitulierte - und einging - in voller Blüte mit den ersten kleinen grünen Früchten daran.

 

Na, super! Im Angesicht der krachvoll hängenden Äste nebenan war ich reichlich genervt.

Und dachte:

Warum hab ich keine solchen Johannisbeeren??? Warum können die das, aber ich nicht???

Sie düngen ja auch mit Blaukorn! Sie haben ja viel mehr Erfahrung. Ich bin halt kein „richtig guter Gärtner“.

Ich sollte es lieber ganz lassen….

 

Die Reihe der Selbstvorwürfe wollte kein Ende nehmen.

Bis mein Kind kam und eben jenen Satz sagte: „Mami, hör endlich damit auf, zu vergleichen!“

Schlaues Kind.

 

Und: Autsch. Ertappt. Ja, in der Theorie ist mir völlig klar, dass Vergleichen nichts bringt. 

 

Gerade erst hatte ich einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, dass es Unternehmen nichts bringt „besser als die anderen“ sein zu wollen - und dass es stattdessen viel sinnvoller ist, sich auf das zu konzentrieren, was man „anders macht als die anderen“.

 

Und weiß ich nicht schon lange, dass es Kinder mehr hindert, als motiviert, wenn man sie mit anderen vergleicht - und dass es sie viel mehr unterstützt, sie für das zu lieben und loben, was sie sind?

 

Aber gilt das auch für das Wachsen von Johannisbeeren?

Oder: zeigt mir die Erfahrung mit meiner Johannisbeere nicht auch, dass dieser Grundsatz immer gilt?

 

Hatte ich „meiner“ Johannisbeere gleich mit in die Erde gepflanzt,, sie sei „schlechter“ als die anderen?

„Hören“ Pflanzen auf das, was man ihnen „sagt“?

Es gibt tatsächlich etliche Feldversuche und Forschungsergebnisse, die beweisen, dass Pflanzen besser gedeihen, wenn man liebevoll mit ihnen spricht - oder wenn man ihnen z.B. klassische Musik vorspielt.

Was ein Garten alles lehren kann!

Dachte ich und habe nach dieser Erkenntnis eine Runde im Garten gedreht.

 

Und tatsächlich:

Alles, was zu viel Aufmerksamkeit von mir bekam oder bekommt - weil ich „will“, dass es gut wird, oder es sogar (mit Bildern oder den Pflanzen der Nachbarn) vergleiche, geht tendenziell ein, oder mickert vor sich hin.

Im Gegensatz dazu wächst Salat zum Beispiel in meinem Garten immer viel und gut. Es gedeihen wunderschöne große Köpfe - und Pflücksalate, und und und.

Ständig werde ich gefragt: „Hast du keine Schnecken?“ „Du traust dir Salat, was machst du mit dem, dass er so gut wächst?“

 

Und müsste daraufhin eigentlich antworten:

Ich liebe ihn. Ich liebe Salat wirklich. Ich esse ihn einfach gern.

Und ich habe keine „Angst“ vor Schnecken in meinem Salat. Ich lasse sie einfach in Ruhe - und meist findet sich dann eine Schnecke pro Salatkopf, die nicht viel Schaden angerichtet hat.

 

Salat wächst bei mir mit liebevoller entspannter Aufmerksamkeit fast wie von alleine.

 

Vielleicht ist dies für das gelingendes Wachstum generell so etwas wie ein Geheimrezept?

 

Einen Versuch, meine Gedanken weiterhin aufmerksam zu bemerken, ist es allemal wert.

 

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Nachtrag: Gestern habe ich festgestellt, dass an einer Stelle, an der ich es gar nicht erwartet hatte, ein kleiner Rote Johannisbeer-Sproß gedeiht. Er hat sich von allein ausgesäht. Ich lasse ihn dort stehen, wo er steht. Und freue mich.

Und was draus wird: das werden wir sehen.