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Schauergeschichten aus dem Garten, oder: über das Unvermeidbare bei der Begegnung mit unserer (eigenen) Natur

Die Erde ist feucht - so trocken, wie im Sommer, wird sie jetzt gar nicht mehr. Und mit der Feuchte kehren auch die Schnecken zurück. Ernte ich meine Endivien, so finde ich mindestens ein, oder zwei Nachtschnecken, die sich darunter eingefunden haben, um ihre Eier abzulegen. Ich bringe sie dann mit den untersten Salatblättern in den Wald. Denn: ich habe festgestellt: auf diese Weise gelingt mir einigermaßen friedliche Eintracht.

Und da sind diese längst nicht die einzigen Wesen, die mich in meinem Garten herausfordern: Wespen gibt es in diesem Jahr viele. Draussen essen: gerade nur mit Vorsicht zu genießen. Am Weinspalier machen sich die Süße liebenden Hautflügler über die letzten Trauben her. 

Alle anderen Trauben musste ich bereits vor zwei Wochen halbreif ernten. Waschbär-Gefahr! Kaum waren die ersten Trauben reif, hatte eine freche Bande der cleveren Kerlchen sich bereits darüber her gemacht. Innerhalb einer Nacht waren Äste abgetreten, ein Teil der Trauben und Blätter abgerissen. Ja, so ein Spalier ist eine tolle Kletterhilfe - und die Trauben ganz oben sind besonders süß. Aufregen hilft da nichts - so weit kenne ich mich mittlerweile mit Waschbären aus. Nur konsequente mechanische Abwehr.

Also entweder Aufstiegshilfen entfernen und das Klettern unmöglich machen, oder eben nahezu alle Trauben ernten, damit sie nicht mehr zur Verlockung werden. So habe ich dann Traubensaft gekocht.  Zu Hause. Denn im Garten, wo mein Dampfentsafter normalerweise gute Dienste tut, mochte ich für ein paar Wochen solcherlei Dinge gar nicht tun. Denn: Unter der Laube war in der größten Sommerhitze ein Fuchs gestorben. Friedlich eingerollt erlag er dort wahrscheinlich einem Kreislaufkollaps. Dies meinte zumindest der freundliche Mann vom Tierheim, der dankenswerter Weise kam, um den toten Fuchs mit zu nehmen und zu entsorgen. Es riecht bei feuchter Wetterlage jetzt buchstäblich immer noch etwas nach totem Fuchs.

Als ob das jetzt noch nicht genug wäre, bin ich durch meinen Kater auch immer wieder mit dem Tod kleiner Tiere konfrontiert. Manchmal sind dies Spitzmäuse. Meine Tochter und ich beerdigen diese grundsätzlich mit Blümchengrab, denn die maulwurfähnlichen unter Naturschutz stehenden kleinen Tiere werden zwar manchmal von Katzen gejagt und getötet, aber nicht gefressen: sie schmecken ihnen nicht. Wenn wir unseren Kater rechtzeitig erwischen, hat die ein oder andere Spitzmaus schon überleben können, weil wir uns prompt dazwischen warfen. Ganz anders bei Wühlmäusen: Auf was für Ideen unsere Nachbarn kommen: Elektroimpulse im Boden, Plastik-Windspiele, Bepflanzungen der Blumenbeete mit „Wühlmausschreck-Blumen“ wie z.B. der Kaiserkrone. Wir dagegen haben eine natürliche Wühlmaus-Abwehr dank heldenhaftem Einsatz unseres Jagdkaters. Er scheint diese in unserem Garten wirklich in Schach zu halten, was ich ihm hoch anrechne. Komplett fressen tut er allerdings auch die Wühlmäuse  manchmal nicht. So daß ich mich daran gewöhnen musste, ihre Reste zu beerdigen.

 

Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass mir all das keine lauten Quietschgeräusche mehr entlocken würde, ich hätte ihn bzw. sie mit großen Augen angeschaut und gedacht: Will ich das?

Will ich mich nicht mehr so doll ekeln? Will ich keine Angst vor toten Tieren haben?  Oder vor lebendigen, wie Schnecken, Spinnen, Kröten, Würmern, Raupen, Blattläusen, Wespen, Eidechsen, Blindschleichen, Kreuzottern? 

Oder anders gefragt:

Wer bin ich, wenn ich es schaffe, mich nicht nur mit Katze, Igel, Siebenschläfer, Schmetterlingen, Singvögeln und Rehen zu arrangieren, sondern auch mit Waschbär, Fuchs, fremden Katzen, allen möglichen anderen Insekten, kleinen Reptilien und Co???

Werde ich dann etwas/jemand, den man lieber meidet?

Wie die klassische „Hexe“, die mit Spinnenbeinen und Kröten kocht…?

Verliere ich dann mein sympathisches mädchenhaft quietschiges Empfindlichsein???

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Ein Exkurs:

Wir haben im Juli  eine Packung kleiner roter und gelber Paprikaschoten gekauft - in einem ganz normalen Supermarkt. Diese waren in Plastikfolie verpackt. Wir wollten sie zum Grillen mit auf den Rost legen. Dann kam die Sache mit dem Fuchs und wir haben eine ganze Weile nicht im Garten gegrillt. Vorgestern habe ich dort den Kühlschrank gereinigt - und mit Schrecken festgestellt: die Paprika liegen noch im Gemüsefach. Blendend aussehend und wie neu. Das hat mich geschockt! Jedes frische Gemüse aus meinem Garten wäre trotz Plastik und Kühlschrank innerhalb von sechs Wochen angeschimmelt und verfault. Dieses „gedopte“ Supermarktgemüse jedoch nicht. Ist es begast? Gespritzt? Mit welchen Stoffen muss man es behandeln, dass es so sehr Widerstand leisten kann gegen den normalen Verfall?

Da habe ich gedacht: Wir alle haben Angst. Angst vorm Sterben, Angst vorm alt Werden, vor Verfall und Verfaulen, Angst vor Würmern, Angst vor Schädlingen, Angst vor Krankheit.

Und Angst, unsere Naivität und unser "Gut"Sein zu verlieren - vielleicht ganz besonders wir Frauen...?!

 

Als Ergebnis dieser Ängste gibt es  tatsächlich viele Errungenschaften. Zum Beispiel Hygiene und Schädlingsbekämpfung, hochkomplexe clevere Haltbarmachung und eine rasche Logistik helfen uns täglich, viele Krankheiten vermeiden zu können und ein besseres Leben zu führen.

 

Doch irgendwo gibt es eine Grenze.

Wir können nicht so tun, als würden wir nicht altern, nicht krank werden, nicht sterben.

Wir müssen uns wohl oder übel und immer wieder damit auseinander setzen, Teil der ganzen Natur zu sein.

Und unsere eigene Natur als verletzlich begreifen.

Wenn wir diese unsere Ängste als Motor für Fortschritt überstrapazieren - und in den extremen Kampf gehen: mit Chemiekeule, ausrottender Jagd und Co, mit chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln, Gift, gefährlichen Gasen etc. - schaden wir damit letztlich auch uns selbst.

Und als Gegenextrem: Wenn wir uns nur mit dem Heilen, dem Schönen, dem unverderblichen Gemüse aus dem Supermarkt umgeben - und ganz naiv hoffen und glauben, es gäbe die Möglichkeit, ein tiefes, erfahrungsreiches Leben nur im „Heilen „ und „Guten“ zu führen, verschließen wir schlicht unsere Augen vor der Wahrheit.

Wie so oft, hilft es auch hier, die Augen zu öffnen. Der Angst zu begegnen - und herauszufinden, wie man sich ihr stellen kann. Welche Möglichkeiten es gibt, den eigenen Raum  und die eigene Gesundheit zu schützen, ohne großen nachhaltigen Schaden anzurichten?

Ob „meine“ Schnecken im Wald sterben müssen?  So richtig gut ist auch diese Lösung nicht. Noch habe ich keine bessere gefunden. Aber ich suche danach. 

Und mehr als uns immer wieder aufrichtig auf die Suche nach integrierenden Lösungen zu begeben - und diese auszuprobieren, bis wir wieder eine Grenze entdecken - können wir vielleicht gar nicht tun.

 

PS: Direkt nach dem Verfassen dieses Textes war mir eine Wespe in mein Hosenbein gekrochen - sie hat heftig zugestochen, als ich es bemerkte - und flog davon. Ein merk-würdiger Zufall - und eine Demutsübung. Ich presste, so rasch es ging, eine halbe Zwiebel auf den Stich und war dankbar, diese sofort zur Hand zu haben und darüber, nicht allergisch zu sein. Denn: Selbst so ein kleines Tier kann unter Umständen einen Menschen ersthaft in Gefahr bringen.