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Sinnesspaziergang mit Achtsinn

Wenn ich zu einem Sinnesspaziergang in den Wald gehe, stolpere ich mehr und mehr über Müll. Bisher dachte ich immer: "Nächstes Mal nehme ich mir eine Mülltüte mit." Doch zu diesem nächsten Mal kam es bisher nie. 

Heute bot sich mir in meinem "Hauswald" ein neuer Anblick. Am Waldrand grüßte ein riesiger Stapel aus frisch gefällten Baumstämmen und der Waldweg, den ich im Frühjahr gerne nehme - und der bis letztes Jahr fast vollständig mit Frühjahrsblühern zugewachsen war - ist heute zerfahren von Forstgeräten. Entlang des Weges sind etliche Bäume gefällt. Es ist ungewöhnlich hell und licht im Wald. Ich hatte so etwas wie einen "Reality-Schreck".

Doch weiß ich, dass "der Forst" Bäume-Fällen nicht aus "Bosheit" tut. Die meisten unserer Wälder sind Wirtschaftswälder. Es gibt Vorgaben, Gesetze, Richtlinien, die vorschreiben, welche Gewinne im und mit unserem Wald zu erwirtschaften sind. Und es gibt viele Bemühungen und Initiativen für eine nachhaltige Forstwirtschaft und dafür, unseren Wald zu erhalten und die Gesetzmäßigkeiten zu ändern. Doch, wie bei vielen Dingen kann und sollte dies nicht im Tunnelblick geschehen. Hier unseren Wald zu schützen und anderswo Wälder für unsere Güter zu roden ist langfristig gedacht schlicht naiv. Wir alle sind Verbraucher. Und dies mehr oder weniger achtsam. Und beim Verbraucht fängt in Sachen Umwelt immer alles an.

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Ich hatte einen Rucksack dabei und zufällig eine große Tüte darin. Wachgerüttelt durch den den Schreck begann ich, Müll zu sammeln. Das tat gut. 

Und ich sinnierte, anders als sonst, nicht über Kräuter und Blumen und Tiere, sondern über uns Menschen.

Was ist es, was uns blind macht vor der Realität?

Was sind die Kräfte, die uns nach Verbrauch streben lassen, nach mehr - und noch mehr?

Wieso kommt es zu dem Missverständnis, dass wir - mal mehr, mal weniger - annehmen, eine Menge an Materie, an Dingen, an Verbrauch und ein sinnerfülltes Leben gingen Hand in Hand?

Fehlt uns vielleicht für die Zusammenhänge zwischen unserem Tun und dem Wohl der Erde und aller Wesen darauf ein Sinnesorgan?

Oder besitzen wir dies - und haben es verkümmern lassen? Oder noch gar nicht voll entwickelt?

Ich stapfte durch den Wald und dachte darüber nach, wie ich diesen Sinn wohl nennen würde.

Und "taufte" ihn Achtsinn.

Der achte Sinn. Nach dem siebten Sinn, der intuitiven Wahrnehmung, der Sinn, der uns Ganzheit fühlen lässt und den Kontext unseres Tuns zum großen Ganzen.

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Das erinnerte mich an etwas. Neulich tauchte in meiner Familie ein Dokument auf. Ein Dankesschreiben von vier belgischen Flüchtlingen an meinen Urgroßvater. Er hatte sie im Krieg gemeinsam mit seiner Frau  in unserer alten Scheune versteckt und mit Nahrung versorgt. Und das keine zehn Kilometer Luftlinie vom Konzentrationslager Buchenwald entfernt! Niemand erfuhr davon. Bis heute.

Und ich denke bei mir: meine Urgroßeltern hatten Achtsinn. Als eine Mischung aus Achtsamkeit, Zivilcourage, Mut und Verrücktheit (denn: "normal" war dies sicher damals nicht).

In jedem Zeitalter scheint es den Achtsinn zu geben. In der Vergangenheit waren  die Menschen, die ihn hatten ,meistens weder reich noch berühmt - und zu ihrer Zeit nicht die "dicken Fische".

Kurzfristiger Erfolg schwimmt eher mit dem Strom. Langfristiges sich-vor-etwas-Verneigen braucht seine Zeit. Aber das Gefühl, dass uns Taten, die mit Achtsinn geschehen sind, hinterlässt, wirkt noch mehrere Generationen motivierend nach. Denn: Wenn Menschen mit Achtsinn erfüllt sind und aus Achtsinn handeln, motivieren sie andere, es ihnen gleich zu tun. 

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Auch kleine Schritte können Schritte voll Achtsinn sein. Dachte ich. Und sammelte die ganze Tüte voll mit Plastikabfällen. Vielleicht kann ich dies ab jetzt viel öfter tun. Und vielleicht kann ich ja auch andere dazu motivieren?

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Und ich dachte an viele heutige Unternehmungen und Projekte - von Menschen mit Achtsinn, denn: es gibt sie - und sie werden immer erfolgreicher und immer mehr!

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Auf der Leipziger Buchmesse lernte ich neulich Graspapier kennen. Die Firma CREAPAPIER stellt dieses her, eine Druckerei aus Stuttgart bietet Graspapier-Drucke an und ein Verlag aus Dresden, druckt auf Graspapier wunderschöne Bücher und Notizbücher. Wass für eine schöne Idee: Für Papier (vorhandene) Wiesen zu mähen statt Wälder zu roden.

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Wenn aus Achtsinn Kreativität wird, vielleicht ist dann unsere (Um-)Welt doch noch zu retten???