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Dahlien und Duftkräuter - oder: wann uns Perfektion daran hindert, glücklich zu sein

Ich habe von meiner Großmutter Dahlien geerbt - eine ganze Kinderbadewanne voll runzeliger brauner Knollen. 

Seit Mai wachsen diese in meinem Garten. Gleich neben meinem Kräuterrundbeet.

Sie blühen gerade in voller Pracht - und immer wenn ich sie ansehe denke ich: Oh je, im Herbst muss ich diese jetzt wieder ausbuddeln und in meinen Keller tragen. Was für ein Aufwand!

Dem wollte ich gestern etwas entgegensetzen - und mein Blütenmeer einfach mal geniessen.

Ich lies mich auf der Wiese nieder - Kräuter rechts, Dahlien links - und schaute hin und roch.

 

In meinem Kräuterbeet wuselt es derzeit gewaltig. Unzählige Bienen verschiedener Arten: Hummeln, große Käfer, Schmetterlinge bestäuben die Blüten. Um die Dahlien ist es still. Zumindest um die gefüllten Arten.

So ist es nicht verwunderlich, dass ich nach ein paar Minuten die Dahlien schon keines Blickes mehr würdigte. 

Es war einfach zu anziehend, dem wilden Treiben im Kräuterbeet zuzuschauen - und die Düfte zu riechen, die es verströmt.

 

„Wie meine Omi“ dachte ich plötzlich. Eine gefüllte Dahlie: perfekt und unnahbar. Und wurde nachdenklich und traurig bei diesem Gedanken. Meine Oma - was hatte sie alles auf sich genommen, um stets perfekt zu sein. Wöchentlicher Friseur, für jeden Anlass das richtige Kleidungsstück, Fransen an den Gardinen, die immer akkurat hingen, kein Stäubchen nirgends in ihrem zu Hause. So viel Mühe, so viel Kraftaufwand. Und eine wahnsinnig anstrengende Ehe. Mit einem Mann, der sie regelmäßig betrog.

Mein Großvater, den ich innig liebte. Ein sehr naturverbundener Mann. Egozentrisch, ehrgeizig, erfolgreich.

Ein ehemals perfektes Paar. Er Macht und Geld, sie Schönheit und Perfektion. Gemeinsam glänzend nach außen - und nach innen immer unerfüllte Sehnsucht. Bei beiden.

 

„Das Leben ist viel einfacher, als wir alle denken.“  Hat heut eine Klientin zu mir gesagt.

 

Und ich finde: Mein Kräuterbeet bietet hierfür ein sehr passendes Bild.

Rosmarin, Thymian, Borretsch, Salbei, Melisse, Oregano, Bohnenkraut, Olivenkraut, Muskatellersalbei und und und. Sie alle sind stark in ihrem individuellen Wuchs und Duft. Und zart in ihren Blüten. Fast unsichtbar zum Teil. Erst besonders, wenn man ganz genau hinsieht.

Wenn man sich darauf einlässt, nicht bloß den schnellen Schein zu sehen, sondern ganz genau hin.

Habt ihr schon einmal die Blüten von Basilikum, Rosmarin, Schnittlauch oder Borretsch ganz von nahem angesehen?

Falls nein, tut dies doch einmal.

Falls ja, wisst ihr, wovon ich rede.

Und ihr spürt vielleicht, wie heute ich, warum Insekten diese lieben.

 

Es könnte alles so einfach sein.

Wann und Warum nur haben wir Menschen angefangen, Blumen zu pflanzen, die keine Biene mehr bestäuben will - oder muss?

Als wir gelernt hatten, diese auch ohne Saatgut zu vermehren?

Als wir Angst bekamen vor stechenden Insekten?

Als wir den Nachbarn zeigen wollten, mehr Pracht als sie zu besitzen?

Als wir vom Leben tief verletzt wurden und - statt uns unsere Verletztheit einzugestehen - begannen, uns zu verschließen?

 

Oder anders gefragt:

Galt bis jetzt unser menschliches Bestreben nur einem einzigen Zweck:

Um überleben zu können: größer, besser, toller, schöner, prächtiger zu sein als andere?

(Und Verletzlichkeit und Offenheit hatten daher keinen Platz?)

 

Und hat uns dieses Bestreben jetzt an einen Punkt geführt, an dem es ad absurdum wird?

Wenn wir nach noch mehr (Schönheit, Macht...) streben wird alles nur komplizierter - und weniger sinnvoll. (Im Herbst Dahlien ausgraben, im Frühling eingraben, hegen, pflegen, gießen und kein Nektar für Bienen und Co.)

 

Liegt der Schlüssel zu wirklicher Befriedigung (ich schreibe das Wort bewusst!) nicht viel eher 

darin, in Verbindung zu bleiben?

Und heißt dies dann zurück zum Start - keine Zuchtblumen mehr, nur Wildkräuter?

Wohl kaum.

Denn: Stellt euch eine Welt ohne Blumen vor!

Ohne (ungefüllte) alte Rosen, Tulpen, Rittersporn…

Was wäre es schade um all die Kreationen!

 

Menschsein heißt auch: den Planeten zu gestalten.

Schönheit zu bringen in diese Welt.

Weder nichts zu tun, noch nur zum Zweck des Eigennutzes und siegen Wollens.

 

Sondern:

Menschlich zu sein - auszuprobieren, zu machen, zu tun, aber ganz genau aufzupassen,

wann der Ehrgeiz beginnt, sich anderen zu verweigern. Den Moment zu erkennen, in dem unser 

Tun perfektioniert wird, um andere zu beherrschen (oder unsere eigenen Gefühle) und wir anfangen, uns zu verschliessen.

 

In einem Satz:

Ausschöpfen unserer Möglichkeiten, dabei in Verbindung bleiben und Offenheit für das Leben.

 

Oder, um es "durch die Blume" zu sagen:

Neben den gefüllten Arten gibt es auch ungefüllte Dahliensorten.

Diese sind bei den Bienen sehr beliebt.

Und sehen im Garten auch wunderschön aus.

Frei nach dem Motto: Offene Blüte, offenes Herz!