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Altes weicht und Neues wächst - darüber, dass wir immer entscheiden, auch wenn wir nichts tun

Ich habe letzte Woche - mit tatkräftiger Unterstützung - einen alten Fliederbusch gefällt. Er war dürr geworden und extrem hoch und legte einen großen Schatten auf meinen Garteneingang - und auf meine frisch gepflanzten Himbeeren, die viel Sonne brauchen.

Nach dem Fällen erschrak ich jedoch. Der verwunschene Eingang meines Gartens sieht jetzt so gar nicht mehr verwunschen aus. Von unten wächst zwar neuer Flieder nach, doch ist dieser viel zu zart, um Blicke abzuhalten - gerade jetzt im Herbst. Man schaut vom Weg aus jetzt komplett in meinen Garten hinein - und von innen fühlt es sich noch völlig unsicher an. Der "Schutzwall" ist weg.

Als dann meine Tochter auch noch trocken kommentierte: "Mama, du hast den Garten geköpft." war ich vollends im Zweifel.

Was habe ich bloß angestellt? Hatte ich das vorher nicht voraussehen können? War es wirklich nötig, diese Entscheidung bzw. den Flieder zu fällen?

Sehnsüchtig schaute ich über die Zäune meiner Nachbarn und zählte alte Fliederbüsche, überlegte mir, was ich doch noch hätte tun können, um ihn zu retten: verschneiden, nur stutzen, dürr lassen und dekorieren, ...? Bis ich merkte, dass mir all diese Gedankengänge nichts nützen. Der alte Flieder ist gefällt - und ich habe es entschieden. Seine Stämme bilden jetzt eine hübsche Beetumrandung. Der Drops ist gelutscht - könnte man sagen. Oder: so ist das, wenn man Entscheidungen trifft.  Besonders jene, die etwas wirklich beschneiden und unumkehrbar sind. Im Leben gibt es den "Zurück-Button" nicht. Und jede/r von uns kennt solche Momente. Da ist ein gefällter Flieder in Relation zu anderen Entscheidungen eine Kleinigkeit - noch dazu eine, über die mit der Zeit sozusagen neuer Flieder wächst.

Aber es ist für mich wieder einmal ein Sinn-Bild: Entscheidungen brauchen Mut! Gar nicht so sehr den Mut, es zu tun, sondern viel mehr den Mut, das Entschiedene selbst auch auszuhalten, sich einzugestehen, wenn man übers Ziel hinaus geschossen ist, oder einfach damit zu leben, etwas entschieden zu haben. Entscheidungen brauchen auch den Mut, sich den "Nachbarn" zu stellen und auszuhalten, dass andere Dinge anders entscheiden. Und: Entscheidungen sind im besten Wortsinne manchmal Rücksicht(s)-los. Sie zielen auf eine potenzielle Zukunft und zwingen uns, nach vorn zu sehen, statt in den Rückspiegel. Ich entscheide, die Zukunft zu beschleunigen, statt den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen. Und ich verhalte mich unter Umständen entgegen aller romantischen Vorstellungen von Natur.  Romantischer wäre es, den alten Flieder komplett absterben und umfallen zu lassen, aus seinem alten Holz etwas Neues wachsen zu lassen. Romantischer wäre es, dem Lauf der Zeit in Seelenruhe zuzusehen und nichts zu tun. 

In solch einem Garten war ich neulich. Im Garten einer lieben Freundin und Schamanin. Sie greift in ihren Garten fast nicht ein. Alles, was wächst, gehört den Tieren und Wesenheiten. Es ist sehr romantisch dort. Zauberfeengleich. Am Morgen begegnete ich einem Reh. Doch ihre Apfelbäume tragen nicht mehr. Für Gärtneraugen sehen sie aus, als bräuchten sie dringend einen Schnitt.  
Das Essen in ihrem Kühlschrank ist gekauft, während die Esskastanien von den Bäumen fallen und unzählige Parasolpilze in den Wiesen stehen. Sie hat sich entschieden: den Tieren ihren Garten zu überlassen. Auch das ist anders, als bei ihren Nachbarn. Auch das ist in gewisser Weise Rücksicht(s)-los. Auch das scheidet - ihren menschlichen Nutzen vom Rest der Natur.

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Und wieder stelle ich fest: es gibt DAS Rezept nicht. Was wir entscheiden, hat Folgen. Wir entscheiden, wenn wir handeln - und wenn wir den Dingen ihren Lauf lassen, entscheiden wir auch.

Bewahrer und Erneuerer - beides hat seinen Sinn - und seine Schattenseiten.